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admirado | 17. Oktober 2017

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Worms: Verbunden mit den Urvätern auf dem alten Jüdischen Friedhof

Erinnerungskultur auf dem alten Jüdischen Friedhof in Worms (Foto: Albrecht E. Arnold/ pixelio.de) Dom der alten Kaiserstadt in Sichtweite (Foto: Jörg Bürgis)
Jan Thomas Otte

Der alte Jüdische Friedhof in Worms ist nicht nur der älteste in Europa, er ist auch Zeugnis deutsch jüdischer Geschichte. Wie durch ein Wunder hat dieser fast tausend Jahre alte jüdische Friedhof im Schatten des Doms alle Stürme der Jahrhunderte fast unbeschädigt überstanden. Ein Kurzbesuch anlässlich des Totengedenken zum Ewigkeitssonntag, den die Kirchen heute feiern…

Der Friedhof überstand anders als die Synagoge die Nazizeit unzerstört. Wenn ich hier stehe und über die jahrhundertealten Gräber blicke, dann spüre ich, dass auch wir Juden hier zuhause sind.“ Stella Schindler-Siegreich ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz. Auch Worms gehört dazu und mit ihm der jüdische Friedhof „Heiliger Sand“. Es ist der älteste erhaltene jüdische Friedhof Europas.

Der älteste Grabstein ist der von Jakob ha-Bachur und stammt aus dem Jahr 1076. Entstanden ist der Wormser Judenfriedhof wahrscheinlich bereits 1034, als die erste Synagoge in Worms errichtet wurde. Die Juden waren damals überwiegend aus dem Süden Europas eingewandert. Damit ist der Wormser Judenfriedhof der älteste erhaltene jüdische Friedhof in Europa – auch wenn Prag den gleichen Anspruch erhebt.

Einige weitere Grabsteine aus dem 11. Jahrhundert sind noch vorhanden. Der alte Wormser Friedhof ist auch deshalb besonders interessant, weil keine christlichen Friedhöfe mit aufrecht stehenden Grabsteinen aus romanischer Zeit erhalten sind. Nur wenige Grabplatten und Sarkophagdeckel wurden in Kirchen bewahrt.

Nähe zum Wormser Dom

Schindler-Siegreich ist fasziniert von der Atmosphäre dieses Platzes in der Nähe des Doms. Der Friedhof verweise nicht nur auf die lange Tradition der Juden in Europa, sondern sei auch Zeugnis der gemeinsamen deutsch-jüdischen Geschichte. Deshalb sind die Gräber entgegen dem eigentlichen Brauch nach Süden, Richtung alte Heimat, ausgerichtet. Auch zahlreiche namhafte jüdische Gelehrte sind hier begraben.

Denn im Mittelalter erlebte Worms eine Hochzeit jüdischer Lehre. Gleich am Anfang des Friedhofs ist ein solches Grab zu sehen. Hier ruht Rabbi Meir von Rotenburg 1293, für Juden eine überragende theologische Autorität. Auch der berühmte Mainzer Rabbiner Jakob Molin (gestorben 1427) wurde auf eigenen Wunsch in Worms beerdigt. Ihre Talmud-Kommentare sind bis heute bekannt.

Besucher aus aller Welt

Egal ob Mainz, Jerusalem oder New York: Juden aus der ganzen Welt kommen nach Worms und besuchen diese Gräber. Schon im späten Mittelalter gab es regelrechte Wallfahrten zu diesem Friedhof. Gleich an seinem Anfang ruht Rabbi Meir von Rotenburg 1293 – als großer Gelehrter und Märtyrer hochverehrt.

Auch der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber war von diesem imposanten Ort begeistert. 1933 schrieb er, hier „„mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern verbunden“ zu sein. Nach Buber ist auch der faszinierende Blick über den alten Teil des Friedhofs zum Dom hin benannt. Wenn er über die „schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steine“ zur herrlichen Harmonie des Domes blickte, dann war das für ihn so als sähe er von Israel zur Kirche auf.

Einheit aus der Romanik

Der Dom sei, wie er ist. Der Friedhof sei, wie er ist. Aber gekündigt sei ihm nicht worden. Sowohl der Friedhof, als auch seine Mauer und der Dom stammen aus der Zeit der Romanik und bilden eine große Einheit, obwohl man sie mit Gewalt kulturell voneinander trennen wollte. Die Grabsteine ab der Zeit der Gotik zeigen die typischen Merkmale der jeweiligen Epoche.

Der alte Wormser Judenfriedhof war bis 1911 in Betrieb. Ende des 18. Jahrhunderts gab es keinen Platz mehr. Daher wurde beschlossen, beim Hauptfriedhof Hochheimer Höhe einen neuen jüdischen Friedhof anzulegen. Seither fanden hier kaum noch Beerdigungen statt. Die Zeit der NS-Diktatur hat der „Heilige Sand“ weitgehend unbeschadet überstanden. Stella Schindler-Siegreich geht „das Herz auf“, wenn sie die restaurierte Trauerhalle des Friedhofs betritt.

Lange Tradition trotz(t) Geschichte

So paradox es auch sein mag: Gerade dieser Friedhof ist ein Zeichen für die Lebendigkeit der jüdischen Gemeinde. Da die jüdische Gemeinde von Worms im Gegensatz zu fast allen anderen Judensiedlungen im 15. und 16. Jahrhundert nicht vertrieben wurde, konnten die alten Traditionen vor Ort bewahrt werden.

Erst die Verfolgungen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft setzten der tausendjährigen Geschichte der Juden in Worms ein Ende. Der Friedhof liegt in der Andreasstrasse nahe dem Andreastor und kann täglich zwischen acht Uhr und dem Einbruch der Dunkelheit besucht werden.

Artikelbilder: © Albrecht E. Arnold/ pixelio.de + Jörg Bürgis/ Wikimedia

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